Der Frühling ist jetzt in voller Pracht. Dementsprechend ist das Schriftzeichen Chūn (Frühling) zum Kennenlernen zeitlich geeignet. Anschliessend wird das Konzept für die Lebenspflege im Frühling nach der chinesischen Medizin vorgestellt.

 

 

 

Lebenspflege im Frühling

Im Frühling beginnt die Natur zu spriessen. Bunt blühen die Pflanzen und aus ihrem Winterschlaf erwachen die Tiere. Um Beschwerden zu vermeiden, gesund zu bleiben und damit die Pracht der Natur bestmöglich geniessen zu können, kennt die chinesische Medizin einige Prinzipien und Methoden dafür:

 

1. Besonders auf Temperaturschwankungen achten

Es hat bereits angenehm warme Tage gegeben. Man neigt sich schnell zu leicht bekleidet im Freien aufzuhalten. Doch das Wetter im Frühling ist unbeständig: plötzlicher Regen, starker Wind und kurz danach schon wieder Sonnenschein. Auch die Tagestemperaturen schwanken noch stark. Somit wird der Körper gestresst. Zudem ist unser Immunsystem vom Aufenthalt in geheizten Räumen im Winter geschwächt. Chronische Beschwerden könnten sich verschlimmern. Mehr Menschen erleiden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und die Anfälligkeit für u.a. Infektion, Epidemie, Grippe, Erkältung und Rheumatismus ist erhöht. Deshalb ist es ratsam, sich im Frühling weiterhin einzumummeln (Chun wu 春捂), also Ihren Körper entsprechend warmzuhalten.

 

Um das Herz zu stärken, empfiehlt Dr. Shen Yiying (沈邑穎), TCM-Ärztin in Taiwan, die Handteller öfters zu massieren, besonders die 2 Akupunkturpunkte in jeder Handfläche:

1. Perikard 8 Laogong 勞宮/劳宫: Bei geballter Faust unter der Spitze des Mittelfingers, zwischen dem 2. und 3. Mittelhandknochen.

2. Herz 8 Shaofu少府: Bei geballter Faust unter der Spitze des kleinen Fingers, zwischen dem vierten und fünften Mittelhandknochen.

 

Um das Immunsystem zu stärken und sich vor Erkältung zu schützen, können Sie folgende Akupunkturpunkte öfters massieren:

1. Magen 36 Zusanli 足三里: Bei gebeugtem Knie 4 Finger breit unterhalb der Vertiefung unter und neben Kniescheibe aussen und 1 Mittelfinger breit seitlich der Schienbeinkante.

2. Gallenblase 20 Fengchi風池/风池: Im Nacken, auf der Haargrenze, in der Vertiefung zwischen den Muskelansätzen von Kapuzenmuskel und dem grossen Kopfwender.

3. Dickdarm 20 Yingxiang迎香: In der Nasolabialfalte auf Höhe des Mittelpunktes der seitlichen Nasenflügel-begrenzung.

4. Dickdarm 4 Hegu合谷: Zwischen 1. und 2. Mittelhandknochen in der Mitte des 2. Mittelhandknochens auf der Radialseite (Dieser Punkt ist bei Schwangeren kontraindiziert wegen Abortgefahr.)

 

2. Raus an die frische Luft und sich bewegen

Der Frühling ist nach der Fünf-Elemente-Lehre dem Element Holz zugeordnet.  Holz repräsentiert Geburt, Keimen und sich entfalten. Zu dem Holzelement zugeordnet sind auch u.a. Leber, Sehne, Auge und die Farbe Grün. Deshalb gehen Sie raus an die frische Luft, geniessen Sie das Sonnenlicht und lassen Sie den Blick in die schöne Natur schweifen. Treiben Sie sanfte Sport wie Joggen, Radfahren und Wandern. Dadurch fördern Sie die Ausschüttung vom Serotonin, einem der Glückshormone, und vermeiden die Frühlingsmüdigkeit und Depressionsneigung. Aus Sicht der chinesischen Medizin wird der Leberfunktionskreis auf dieser Weise reguliert und entspannt. So haben wir mehr Kraft gegen körperlichen und psychischen Stress und beugen Kopfschmerzen vor.

 

3. Weniger Saures, mehr Süsses

Der chinesische „König der Medizin“ Sun Simiao 孫思邈 /孙思邈 (581-682) empfiehlt folgende Ernährung im Frühling: In den 72 Frühlingstagen soll man weniger Saures und mehr Süsses zu sich nehmen, um die Milz-Energie zu nähren (春七十二日,省酸增甘,以養脾氣/以养脾气). Der saure Geschmack ist dem Element Holz, bzw. Frühling und Leber zugeordnet und deshalb pflegt die Leber, während der süsse Geschmack die Milz. Zu viel sauer schadet jedoch der Leber. Denn gemäss der Lehre der chinesischen Arzneimitteltherapie zieht sauer zusammen und hält Dinge innen. Diese Merkmale können Blockade (durch z.B. Stress, Wut) im Leberfunktionskreis verschlimmern. Wenn die Leber durch Blockade in den Füllezustand gerät, kann sie nach Fünf-Elemente-Lehre das Erde-Element angreifen, nämlich Milz und Magen. So treten Verdauungsprobleme auf und die Funktion der Milz, Energie und Blut zu produzieren, wird geschwächt. Um das vorzubeugen wird geraten, im Frühling saure Nahrungsmittel nicht zu viel zu geniessen und süss vorsorglich etwas mehr zu sich zu nehmen.

 

Zudem fördern leicht scharfe Nahrungsmittel wie z.B. Knoblauch-Schnittlauch, Zwiebel, Koriander, Petersilie das natürliche Aufkeimen der Yang-Energie im Frühling und den freien Fluss von Qi und Blut.

 

Beispiele für saure Nahrungsmittel:

Zitrone, Kiwi, Johannisbeeren, Aprikose, Pflaume, Tomaten, Sauerrahm, Joghurt, Essig, Wein, Sauerteigbrot, Essiggurken usw.

 

Beispiele für süsse Nahrungsmittel:

Datteln, Apfel, Feige, Papaya, viele Gemüse (Spinat, Spargel, Sellerie, Karotte etc.), viele Getreide und Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen, viele Pilze, Öle, Fleisch, Honig usw.

 

4. Wut zähmen

Wut ist die Emotion, die zum Holzelement zugeordnet ist und eine wechselseitige Beziehung mit dem Leberfunktionskreis hat, besonders im Frühling, in welcher Zeit die Leber stark und sensibel ist.

 

Wir sollen das Gefühl Wut ehrlich zulassen und dabei aber Herr der Lage bleiben. Denn die Wut zu unterdrücken behindert den freien Fluss vom Leber-Qi. So entsteht eine Leber-Qi-Stagnation. Mit der Zeit wird die allgemeine Qi-Zirkulation auch beeinträchtigt und Blut-Stase verursacht. Langfristig können sich verschiedene Beschwerden entwickeln, wie z.B. Völlegefühl oder Schmerzen im Hypochondrium oder in der Brust, Magenschmerzen, Blähungen, Durchfall, Reizbarkeit, Schlafstörung, Depression, Burnout, Menstruationsbeschwerden, Myome, Brustknoten oder sogar Brustkrebs.

Hingegen kann ein Wutausbruch zum raschen Aufsteigen des Leber-Yang und sogar zum Emporlodern des Leber-Feuer führen und dabei Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, hohen Blutdruck oder sogar Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen. Sun Simiao nennt heftige Wut als eines der drei Tabus für die Gesundheit.

 

Daher ist das äusserst wichtig, zu lernen, mit der Wut umzugehen. Wir bringen unsere Wut zum Ausdruck und versuchen, so schnell wie möglich herunterzukommen. Aus Sicht der chinesischen Medizin empfehle ich Ihnen,  folgende Tees zu trinken und Akupunkturpunkte zu massieren:

 

- Rosenblütentee: warm, Anwendung bei Le-Qi-Stagnation, Völlegefühl im Thorax, Reizbarkeit, Depression, Menstruationsbeschwerden usw.

- Chrysanthemenblütentee: kühl, Anwendung bei aufsteigendem Leber-Yang und -Feuer, Kopfschmerzen, Schwindel, gerötete Augen, Tinnitus usw.

- Leber 3 Taichong 太衝/太冲 (auf dem Fussrücken, in der Vertiefung am Winkel zwischen dem 1. Und 2. Mittelfussknochen)

Methode: Lokal kreisend 3-5 Minuten öfters massieren

Wirkung: Leber-Qi-Stagnation lösen, im Innen gestaute Wut befreien

- Leber 3 Taichong 太衝/太冲 + Leber 2行間/行间 (Auf dem Fussrücken, proximal zur Hautfalte zwischen den 1. Und 2. Zehen)

Methode: Von Leber 3 zu Leber 2 massieren, z.B. abends oder nach Bedarf

Wirkung: Leber-Qi regulieren, Leber-Feuer herabsenken, runterkommen, sich entspannen